Religion

Religion

Religion ist das Bedürfnis eines jeden Menschen nach einem Orientierungsrahmen und einem Objekt der Hingabe, um dem Dilemma des begrenzten Daseins (Fromm 1950) und dem Dilemma der Vaterbeziehung (Freud 1913) zu begegnen.

Viele begnügen sich mit der äußerlichen Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft. Dort meinen sie dann am Ziel ihrer religiösen Sehnsucht zu sein, denn sogenannte Heilige Schriften und Offenbarungen, beeindruckende Gebäude, Rituale und Mittler wie Propheten und Priester suggerieren ihnen das. Diese durchaus auch kommerziellen Dienstleitungs-Glaubensgemeinschaften inspirieren eher selten zum wahrhaft Religiösen, obwohl sie genau das zu tun vorgeben. Ihre Sitten, Rituale, Kleidung, Gebräuche, Gesetze, Bekenntnisse und Vorschriften sind oft lediglich äußerliche Zugehörigkeitsattribute. Sie dienen sowohl denen, die ihre Verantwortung delegieren möchten als auch denen, die die an sie übertragene Macht über andere gerne in Anspruch nehmen. Dabei besteht die Gefahr von Machtmissbrauch und Aberglaube.

Die aus den Dilemmata entstehenden Bedürfnisse können durch die strenge Einbindung in eine autoritär geführte Gruppe erfüllt werden. Das Objekt der Hingabe kann der Führer, ein Ahne oder ein Symbol sein. Der Orientierungsrahmen kann aus autoritären Gesetzen, Moralvorstellungen und archaischen Ritualen bestehen.

Im Christentum zum Beispiel ist das Objekt der Hingabe der dreifaltige Gott, der Bezugsrahmen ist von der Kirche gesetzt. Grundlegend ist die Überhöhung des geliebten und gleichzeitig gehassten Vaters zu Das Konstrukt

ist das Resultat einer kollektiv-unbewussten psychologischen Verschiebung

und Projektion.

Eine andere Möglichkeit ist die Hingabe an das Leben selbst und die

persönliche Orientierung an Tugenden, die es lebenswert machen. Hilfreich ist

es, sich durch die Natur, die Kunst, die Musik, die Stille und religiöse Freunde

und Familienmitglieder zur Religion inspirieren zu lassen.

Im Buddhismus versucht man, unter Anleitung eines Lehrers die vier edlen

Wahrheiten über das Leiden zu erkennen und zu akzeptieren und sodann den

edlen achtfachen Pfad zur Überwindung dieser Leiden zu gehen.

Es gibt also zwei grundlegend verschiedene Arten von Religionen, nämlich

autoritäre und humanistische Religionen (Fromm 1950).

Autoritäre Menschen und Religionen wollen das Heil durch Vernichtung des

Bösen und durch Kontrolle der Menschen erreichen. Es geht um Gehorsam.

Humanistische Menschen und Religionen wollen das Heil durch Förderung des

Guten und durch Befreiung der Menschen erreichen. Es geht um

Erkenntnis. Humanistisch religiös sind zum Beispiel die frühbuddhistischen

und zen-buddihistischen Gemeinden, die Taoisten, jüdische, islamische und

christliche Mystiker, die Unitarische Freie Religionsgemeinde Frankfurt, die

Freireligiöse Gemeinde in Offenbach, The Unitarian Universalists oder die

Quäker. Viele bekannte Menschen sind zu verschiedenen Zeiten diesen Weg

bereits gegangen: Gautama Buddha, Laozi, Xenophanes, Heraklit, Zenon von

Kition, Seneca, Meister Eckhart, Cusanus, Erasmus, Bruno, Galilei,

Kepler, Spinoza, Lessing, Kant, Schleiermacher, Schweitzer, Walbaum und in

unseren Zeiten Eckhart Tolle, Prem Rawat (z. B. Vortrag Boston 2015-10 auf

englisch) und andere.

Der Unterschied zwischen autoritärer und humanitärer Religion ist auf

persönlicher, kultureller und politischer Ebene deutlich sichtbar.

Persönliche Ebene

Religion gibt dem Leben, den Handlungen, den Geschehnissen einen

Sinn, gibt Hoffnung auf Befriedigung einer tiefen Sehnsucht nach Aufgehen in

etwas Größerem, spendet Trost und Vergebung und gibt Halt, Richtung und

Stütze bei Orientierungslosigkeit und Unsicherheit.

Autoritäre Religion

fördert Unterwürfigkeit und die Abgabe von Verantwortung,

kann zu Realitätsflucht, Wunschdenken und Aberglaube führen,

kann seelisch krank machen.

Humanistische Religion

ist ein lebenslanger individueller Erkenntnis- und Reifungsprozess, der sich im Alltag in der Begegnung mit anderen vollzieht, ist eine zutiefst persönliche, individuelle Angelegenheit, die im Alltag in der Stille und in der Gemeinschaft reift, ist frei von Moral und Metaphysik, von Streit und von Rechthaberei, von Offenbarung, Dogma und Aberglaube, fördert die Freude am Leben, Vernunft, die Selbstverantwortung, Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung, erzieht zur Achtung der Würde des Menschen und allen Lebens und hält zu Verständnis und Güte im Zusammenleben an.

Wir alle können unsere Religiosität über die unterschiedlichsten Wege von kindlichen autoritären zu reiferen humanistischen Formen entwickeln. Zeichen humanistischer Religiosität sind beispielsweise die ehrfurchtsvolle Erkenntnis der Unendlichkeit des Lebens und des Universums, Akzeptanz der Unerforschlichkeit Gottes, Gewissheit göttlichen Wohlwollens, Gefühle des Aufgehobenseins in Allem und der Dankbarkeit für das Sein, der tiefe Wunsch, sich selbst zum Wohle aller zu entfalten, die Achtung vor allem Leben und sorgfältiger Umgang mit der Natur, Toleranz, Geduld und Mitgefühl den Menschen gegenüber.

Für die Religion wesentlich ist das subjektive, unmittelbare, tief ergreifende

religiöse Erleben, Empfinden und Fühlen des Göttlichen. Das Religiöse wird

so für den einzelnen Menschen zu einer persönlichen Gewissheit. Leider

machen nur relativ wenige Menschen diese unmittelbare religiöse Erfahrung,

zumal in unserer lauten und hektischen Zeit.

Kulturelle Ebene

Religion schafft Verbundenheit durch Gottesdienste, Andachten,

Predigten, Sendungen per Funk und Internet, pflegt Gemeinschaft durch

rituelle Handlungen und Feste zu besonderen Anlässen im Lebenslauf und im

Jahreskreis, fördert Harmonie durch Übereinkünfte mit anderen in Sachen

Moral, Sitten und Gebräuchen, Umgangsformen, Kleidung und Essen, regt an

zu gegenseitiger Hilfe und Unterstützung, bringt Musik, bildende Kunst und

Architektur hervor und überliefert hilfreiche Lehren und Geschichten.

Autoritäre Religion

hat Offenbarungen und Gebote

ist Befriedigung von kollektivem Wunschdenken und Allmachtsphantasien

mit Gott als mächtigem Verbündeten

ist identitätsstiftende Abgrenzung von Anderen, Pflegen von Feindbildern und Sündenböcken

ist Rechtfertigung von Denkverboten, Zwangsehen, Kindesmisshandlung,

Unterdrückung und Missbrauch von Frauen, Verfolgung von Ungläubigen

liefert Begründungen und Mittel für Unrecht, Unterdrückung, Sexismus, Rassismus, Denk- und Meinungsverbote, Terroranschläge und Genozide.

Humanistische Religion überliefert hilfreiche Lehren und Geschichten.

Politische Ebene

Religion sollte auf politischer Ebene keine Rolle spielen.

Autoritäre Religion

eignet sich zum Ruhigstellen und Vertrösten der Ausgebeuteten und Unterdrückten (Marx: Opium für das Volk)

ist Vorwand für und Legitimation von Unrecht und Gewalt „im Namen Gottes“, Eroberung und Unterwerfung birgt auf politischer Ebene ein großes Gefahrenpotential, besonders wenn Politik die negativen kulturellen Aspekte legitimiert.

Viele heutige Religionen sind noch immer in weiten Teilen dogmatisch und autoritär. Sie wollen, teilweise mit Gewalt, einen angeblichen Idealzustand erzwingen. Um ihre potentielle Gefährlichkeit zu begrenzen, sind humane Gesetze, eine Trennung von Staat und Religion und staatlich garantierte Religionsfreiheit notwendig (Laizität). Religionsfreiheit bedeutet dass im Staat keine Religion vorgeschrieben oder bevorzugt ist, dass ein jeder frei ist, sich einer Religion zuzuwenden oder sich von ihr abzuwenden, dass niemand allein aufgrund seiner religiösen Haltung vom Staat oder von seinen Mitbürgern bevorteilt oder benachteiligt wird, dass der Staat sich keine religiös motivierten Gesetze zu eigen macht, dass der Staat bei der Durchsetzung seiner humanistischen Gesetze keine Ausnahmen aus religiösen Gründen zulässt. Religion ist kein Freibrief.

Dogmatische autoritäre Religion hat immer mit Macht zu tun. Wer die Macht hat, bestimmt, was geglaubt werden muss. Mit Hilfe des propagierten Glaubens kann man Macht über Menschen gewinnen und Unterwerfung fordern.